Symbol für diesen Zustand ist die viersprachige Lapide, die im Palazzo della Zisa untergebracht ist: eine Grabstele aus dem Jahr 1149 in Jüdisch, Latein, Griechisch und Arabisch, die die verschiedenen Datierungssysteme der Welt integriert und die Vielfältigkeit des Hofes von Rüdger II., als auch den Respekt für alle Religionen und alle Menschen, die in Sizilien lebten, demonstriert.

Kennzeichnend ist unter diesem Gesichtspunkt genau die Begründung der Jury, die Palermo unter zehn Bewerbungen als Kulturhauptstadt Italiens 2018 proklamiert hat, nämlich:“Die Kandidatur wurde durch ein originelles Projekt unterstützt, das von hohem kulturellen Wert und vongroßer humanitärer Bedeutung ist, stark und großzügig ausgerichtet auf Inklusion, lebenslanges Lernen, den Aufbau von Fähigkeiten und die Staatsbürgerschaft, ohne dabei die Aufwertung des kulturellen Erbes und der zeitgenössischen künstlerischen Produktionen zu vernachlässigen.“[i]

Nicht nur Palermo

In seiner Kandidatur bezieht sich das Projekt in seinem kulturellen Angebot nicht nur auf die Stadt Palermo mit mehr als einer Million Einwohnern, sondern auch auf einige bedeutende Orte der riesigen Provinz wie Monreale, Bagheria und Cefalù, sowie auch auf solche des Madoniengebiets, der Gebirgskette in der Mitte der Nordküste Siziliens.

Offensichtlich ist der Hinweis auf die außergewöhnliche arabisch-normannische Reiseroute von Monreale, Palermo, Cefalù: der Königspalast und die Pfalzkapelle, die Kirche San Giovanni degli Eremiti, die Kirche Santa Maria dell'Amiraglio, die Kirche San Cataldo, die Kathedrale, der Palast der Zisa, die Admiral-Brücke, alle in Palermo, dann aber auch die Kathedrale von Cefalù und die Kathedrale von Monreale, Stätten, die von der Unesco zuBestandteilen des Weltkulturerbes erklärt wurden.

Aber das Projekt Kulturhauptstadt erstreckt sich auch auf das Dorf Castelbuono und das Gebiet der Madonien-Dörfern, eingebettet zwischen den Bergen und dem Grünen des Madonien-Nationalparks. Zu Castelbuono wird im Antragsprojekt das Stadtmuseum zitiert, das sich “in den letzten Jahren für die Fähigkeit ausgezeichnet hat, Traditionen und Gegenwartskunst zu verbinden und die Funktion eines kulturellen Zentrums in einem weitverbreiteten Netzwerksystem” einzunehmen.Gemeint ist damit das Netzwerk von MUSEA, zu dem Museen mit ganz besonderen Merkmalen gehören, wie das Manna-Museum[ii]im Dorf Pollina, das einzig in der Welt ist, oder das berühmte Museum der Mandralisca-Stiftung in Cefalù mit unter anderem dem “Bildnis eines Unbekannten”von Antonello da Messina, das gestern wie heute Thema internationaler literarischer und künstlerischer Aufmerksamkeit ist.[iii]

Sehr stolz auf den Erfolg ist Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, in seinem fünften (nicht aufeinanderfolgenden) Mandat, ein Bürgermeister, dessen umfangreiches kulturelles und politisches Profil (Studium in Deutschland und England, mehrsprachig und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Monographien) immer wieder mit “der Renaissance von Palermo”, “"dem Frühling von Palermo” verbunden wird. Gemeint ist damit der Versuch, den Stolz und die Hoffnung der Bürger von Palermo auf ihre Stadt wiederherzustellen, indem er gegen die Illegalität und gegen die Vernachlässigung einzelner Stadtviertel gekämpft und sich zugleich auf die Einführung moderner Konzepte wie die der Verwaltungseffizienz konzentriert hat.

Die Charta von Palermo: Kultur und Migration

Ausdruck dieser Bemühungen war im März 2015 die Erarbeitung der “Charta von Palermo”als Ergebnis einer dreitägigen Konferenz unter dem Titel “Ich bin eine Person” (“Io sono persona”), eine Absichtserklärung für Integration und Bürgerschaft, wobei das Hauptkonzept das Recht auf internationale Mobilität ist.[iv]

Die Einzigartigkeit dieses Beitrags besteht darin, neue Impulse für die Regulierung der Migrationsflüsse zu geben, indem beispielsweise die Abschaffung von Aufenthaltsgenehmigungen zugunsten einer radikalen Übernahme der Staatsbürgerschaft als Instrument der Einbeziehung und Teilhabe am öffentlichen Leben vorgeschlagen wird. Daher die Bezugnahme auf Rechte und Legalität der Migration in der Kandidatur, in der es heißt, dass “Die internationale Förderung der Charta von Palermo, die Einrichtung der Kulturkonsultation und der Befreiungsprozessvon der kulturellen Konditionierung durch die Mafia” das Haupthema aller Kulturprojekte darstellt; daher auch die Formulierung der Jury in der Begründung der Zuerkennung des Titels, wenn von einem “originellen Projekt” die Rede ist, das “von großer humanitärer Bedeutung” und “großzügig ausgerichtet auf Inklusion” sei.

Das Kulturangebotder Kulturhauptstadt wird von zahlreichen Institutionen angeboten, soll aber nicht nur eine Summe von Veranstaltungen umfassen, sondern als eine Kulturplattform funktionieren, für die vier Zentren identifiziert wurden: eines für das Theater, ein Ausstellungszentrum, eines für die Bereiche Archiv und Bibliothek sowie ein ethnoanthropologisches Zentrum, zu denen jeweils unzählige relevante Veranstaltungsstätten gehören.Zugleich wird von Juni bis November 2018 in Palermo das Festival “Manifesta” stattfinden, die größte Biennale ‘nomadierender’ Avantgardekunst der Welt.[v]

Die Rolle der Gastronomie

Dass im Vorfeld dieser Veranstaltung ein Begleitprogramm unter dem Titel “Cook and Talk” stattfindet, verweist auf das reichhaltige, verführerische und abwechslungsreiche gastronomische Angebot Siziliens mit seinen köstlichen Aromen mediterraner und arabischer Küche. In der europäischen Street-food-Rangliste steht Palermo auf dem ersten Platz, gefolgt von Helsinki und Berlin. Das Street-Food Welt-Festivalim April trägt dem Rechnung, während ein weiterer internationaler Gastronomie-Wettberwerb, das Sherbeth Festivalim September, auf die Einführung der Eiscreme durch die Araber in Sizilien im Jahr 1226 verweist. Sherbethist “ein frisches Getränk”, wie imKitab al-Tabikh, zu lesen ist, dem Rezeptbuch der mittelalterlichen islamischen Welt, das am Ende des Kalifats von Mohammad Al Baghdadi zusammengestellt wurde.[vi]

Von diesem Palermo wird der Besucher 2018 all die Spuren, die Reisewege, die Kirchen und die unzähligen historischen und architektonischen Stätten finden, aber auch die Widersprücheeiner Stadt, die so oft beleidigt, verunglimpft, ausgebeutet, ausgeraubt wurde. Den Verantwortlichen liegt daran, Palermo als eine Stadt zu präsentieren, die Kultur und nicht Mafia exportiert.

Maria Giuliana

Die Autorin ist Lektorin an den    Universitäten Halle und Leipzig, im Auftrag des Aussenministerium Italiens und der italienischen Botschaft in Berlin

Beitrag in italienischer Sprache

 


[i]Siehe die Erklärung auf der Seite des Ministeriums für Kulturgüter und Tourismus,

http://www.beniculturali.it/mibac/export/MiBAC/sito-MiBAC/Contenuti/visualizza_asset.html_1398816910.html; für das Dossier zur Kandidatur      

https://www.comune.palermo.it/js/server/uploads/_31012017161757.pdf

[ii]Manna, „Himmelsbrot“, ist das süße Produkt des Fraxinus Ornus, Manna-Esche genannt; Manna ist ein wertvolles

Naturprodukt, das nur in Pollina und Castelbuono kultiviert wird und seit 2002 zur Slow Food-Bewegung gehört.

[iii]Vgl. zum Beispiels Vincenzo Consolos Roman, Das Lächeln des Unbekannten Matrosen (1976, dt. 1984); zum Namensgeber von Stiftung und Museum, dem Baron Enrico Pirajno von Mandralisca (1809-1864) sowie seinen Sammlungen, vgl. http://www.fondazionemandralisca.it/Mediacenter/FE/CategoriaMedia.aspx?idc=28.

[iv] Vgl.https://www.comune.palermo.it/iosonopersona.php; dort auch eine deutsche Übersetzung.

[v]Vgl. https://manifesta.org/biennials/about-the-biennials/ beziehungsweise http://m12.manifesta.org/what-is-manifesta/#

[vi] Luciana Polliotti, Gelati Gelati, Milano 2002.