Und wie oft habe ich gelesen und gehört: In diesem Palast starb Richard Wagner? Gleich wurde auch hinzugefügt: Heute befindet sich darin das Casinò di Venezia. Bei meinem Spaziergang in Venedig vor ein paar Wochen hatte ich mir vorgenommen, endlich diesen Palast zu besuchen.

Ich biege ein in die Calle Larga Vendramin, trotz ihres Namens eine schmale Gasse. Eingefasst von einem weißen Marmorbogen, steht die dunkle Tür eines Quergebäudes offen. Dahinter erheben sich hohe Hausmauern, weiß oder verwittert. Eine schlichte Tafel links von der Eingangstür, Wagner gewidmet, teilt mit, dass er hier am 13. Februar 1883 starb.

Ich befinde mich in einem Innenhof mit kunstvoll verziertem Marmorbrunnnen, einigen Kübelpflanzen und Stühlen. Die Tür zum Casino steht weit offen. Ich durchquere ein langes Entrée, blicke durch hohe Fenster auf den Canal Grande und frage schließlich, wo sich die Räume von Wagner befinden. Um die zu besichtigen, müsse ich einen Tag vorher anrufen und mich anmelden. Führungen, nur in englischer Sprache, finden Dienstag und Samstag Vormittag und Donnerstag Nachmittag statt.

Nach vielen vergeblichen Telefonaten – der Teilnehmer ist nicht erreichbar – gelingt es mir schließlich doch noch, an einem Samstag an einer Führung teilzunehmen. Wir sind insgesamt vier Personen, außer mir noch zwei weitere Deutsche und ein Australier. Neugierig folgen wir der zarten, mit sanfter Stimme sprechenden älteren Dame hinauf in das Mezzanin. Fünf Zimmer mietete Richard Wagner von Graf Bardi, einem Neffen der Herzogin von Berry, die den Palast Mitte des 19. Jahrhunderts gekauft hatte, als er im September 1882 zusammen mit seiner Frau Cosima und den Kindern hier eintraf. Es war sein sechster Aufenthalt in der Serenissima, doch sein erster im Ca’ Vendramin Calergi. Mit ein Grund, warum der kälteempfindliche Wagner diesen Palast wählte, war die inzwischen eingebaute Heizungsanlage. Der Palazzo wurde wahrscheinlich Anfang des 16.Jahrhunderts errichtet. 1599 erwarb ihn Vettor Calergi, ein wohlhabender Kaufmann. Mitte des 18. Jahrhunderts ging er dann an Nicolò Vendramin über – und führt seitdem diesen Doppelnamen.

Gleich zu Beginn der Führung wird uns erklärt, dass das Mobiliar in diesem Apartment nicht das Original sei – das befinde sich in Bayreuth. Aber man habe hier versucht, möglichst ähnliche Möbel aus jener Zeit zusammen zu tragen. Auch der Flügel sei nicht der, auf dem Wagner spielte, und die Kompositionen seien Kopien.

In den unterschiedlich großen Räumen stehen Sekretäre, Schreibtische, ein schwarzer Flügel. Lampen und Gemälde vermitteln eine wohnliche Atmosphäre. Die Wände, ursprünglich mit blassrosa und hellgrünem Atlas versehen, wurden durch beige Seidentapeten ersetzt. Schaukästen enthalten Briefe, Bücher, Plakate.

Im sogenannten Sterbezimmer werden wir auf ein Sofa aufmerksam gemacht. Es soll daran erinnern, dass Richard Wagner, der schon lange Zeit Herzmedikamente einnehmen musste, während er auf einem Sofa den Aufsatz „ Über das Weibliche im Menschlichen“ schrieb, plötzlich zusammenbrach und starb.

Ich werfe noch einen kurzen Blick hinab in den Garten, den der Komponist genauso   geliebt hat wie die Sicht auf den Canal Grande.

Wir bedanken uns bei der freundlichen Dame für die Führung und erfahren noch, dass die Associazione Richard Wagner di Venezia, die am 13. Februar 1992 gegründet wurde, diese Führungen ermöglicht. 1995 stellte die Stadt Venedig dem Verband das Sterbezimmer und weitere angrenzende Räume zur Verfügung, so dass dieses kleine Museum im Mezzanin des Ca’ Vendramin Calergi entstehen konnte.

Text und Fotos Ulrike Rauh             -  Mai 2017